1 Feb Ellen Lübke-Meier

Der Arbeitsplatz ist die zweite Haut! (mein Artikel zu den neuen Arbeitswelten ist in leicht gekürzter Form in der letzten Ausgabe des Architekturmagazins (Q3) der WELT am Sonntag erschienen und erreichte 600.000 Leser. Er begründet die neue Serie „Einrichter in NRW“).

Der rasante Wandel unserer Zeit in einer neuen, medialen Welt bringt es mit sich: Informationen gibt es immer und überall. Wir wollen und müssen offener und schneller kommunizieren, ständig Nachrichten weitergeben und damit auch aktuell versorgt werden. Gleichzeitig steigt unser Bedürfnis nach Ruhe und Rückzug  –  im Öffentlichen wie im Privaten.

„Ein menschenfreundliches Klima schaffen – das ist die ganz große Chance von Entscheidern in Unternehmen“,  ist Monika Schleberger von vitrapoint und citizenoffice+home in Düsseldorf überzeugt. Ihr Team aus Designern, Innenarchitekten und Architekten mit Sitz direkt am Rhein betreut manchen Kunden schon seit mehr als zehn Jahren und erlebt den Wertewandel sehr bewusst. „Die direkte Umgebung ist wie eine zweite Haut, sie entscheidet maßgeblich darüber, ob wir uns gut fühlen oder eben nicht.“

Wunschdenken in Deutschland

Interessante Zusammenhänge zwischen der Büroausstattung und dem Zufriedenheitsgrad der Mitarbeiter weist auch das Fraunhofer Institut für Arbeitswirtschaft und Organisation (IAO) nach: „Durch die Optimierung des Office Designs im Sinne hoher Gestaltungs- und Ausstattungsqualität sind Performance-Steigerungen bis zu 36 Prozent möglich.“  Mit anderen Worten: Wer zufrieden mit seiner unmittelbaren Umgebung ist, ist effizienter in seinem Handeln.

Das ist in Deutschland allerdings noch Wunschdenken. Nach einer Studie der Universität Duisburg-Essen haben verblüffende 87 Prozent der Arbeitnehmer eine geringe oder gar keine Bindung zum Unternehmen – obwohl in den Chefetagen durchaus ein großes Bewusstsein für die Wichtigkeit des Human-Resources-Managements besteht. „Die Angestellten sind in den vergangenen zwei Jahrzehnten immer unzufriedener geworden, die Mehrheit geht hierzulande ausgesprochen ungern zur Arbeit.“

Dabei ließe sich das Problem mit einem runden Gesamtkonzept, bestehend aus guten Ideen und intelligenten technischen Systemen, in den Griff bekommen: Ein individuell gestalteter Arbeitsplatz macht oftmals sogar einen eher unattraktiven Standort wett und wirkt dem Fachkräftemangel entgegen. Vor allem kleineren und mittelständischen, inhabergeführten Unternehmen kommt das zugute. Rechtsanwaltskanzleien, Arztpraxen oder auch Werbeagenturen haben einerseits eine genaue Vorstellung davon, wie sie nach außen wirken möchten. Zum anderen sind sie es, die häufig ihre Attraktivität steigern müssen, um hochqualifizierte Angestellte zu halten oder neu zu gewinnen. Denn während es bis vor wenigen Jahren noch als Statussymbol galt, mindestens einen Mittelklassewagen vor der Tür stehen zu haben, ist es heute viel erstrebenswerter, morgens ins ein schönes Büro zu kommen. Für Viele wiegt die Identifikation mit der Unternehmenskultur schwerer als das Fixgehalt. Smog und Staus waren gestern, die junge Generation wünscht sich heute ein sinnerweckendes Umfeld, gut gelaunte Kollegen – und ein Fahrrad, mit dem sie meistens auch schneller an ihren Arbeitsplatz und wieder zurück nach Hause gelangt.

Kürzere Kommunikationswege

Hohe Räume, Fenster bis zum Boden, Treppen aus Beton und Stahl. Schick und repräsentativ, aber die heutige Bauweise birgt auch Risiken. Damit „Mensch“ nicht in der Kühle und Weite untergeht, sind ganzheitliche Konzepte nötig. „Dabei geht es lange nicht um Möbel“, so Monika Schleberger, „sondern um das, was Firmen und Mitarbeiter ausmacht: Eine eigene Persönlichkeit.“ Was beispielsweise in Büros wie in Privathäusern modern daherkommt, ist immer auch erst einmal laut und wenig geschützt. Da reicht schon die Unterhaltung der Kollegen, das Klappern von Absätzen oder das der Tastatur, um sich gestört zu fühlen. „In einer offenen Atmosphäre sind die Kommunikationswege kürzer und effizienter“, erklärt Monika Schleberger den Trend zum „open space“. Ein Grundrauschen sei sogar wichtig, um konzentriert arbeiten oder sich wohlfühlen zu können, „nur darf das eine bestimmte Grenze nicht überschreiten.“

Von Anfang an mit im Boot

Die Lösung wird bis ins Detail ermittelt und schließlich so flexibel wie möglich gestaltet, wobei die Organisationsform die Raumaufteilung maßgeblich bestimmt: Mobile Trennwände, Wandpaneele oder Deckensegel dämmen den Schall und schaffen Rückzugsmöglichkeiten, wo sie nötig sind. Am einfachsten haben es die Akustik-, Raum- und Beleuchtungsplaner sowie die Technikexperten von vitrapoint, wenn das Unternehmen sie noch vor Baubeginn mit ins Boot holt. Mit den betroffenen Mitarbeitern werden Workshops veranstaltet, um sich den individuellen Wünschen soweit wie möglich zu nähern. Das erweist sich als großer Vorteil. Ganz nach Rolf Fehlbaum, Chef der vitra AG und Sohn des legendären Gründers der berühmten Marke, „geht es (…) um Arbeitsstile, Geschäftsmodelle und Personalführung.“

Man bringe alle Beteiligten zusammen, weil jeder eine individuelle  Vorstellung davon habe, wie er arbeiten und damit auch leben möchte, sagt Alexander Sczech, Geschäftsführer der citizenoffice GmbH. „Also hören wir erst einmal nur zu.“ Wie viele Mitarbeiter brauchen wirklich einen eigenen Platz? Wer arbeitet wann, wie lange und wo? Wie oft finden Termine außer Haus statt, wie häufig werden Meetings angesetzt oder finden mehr spontane Besprechungen am Kaffee-Automaten statt? Mindestens diese Fragen müssen geklärt sein, bevor es in die erste Konzeptphase geht.

Das Spektrum ist groß, es beginnt bei einem Vertriebsmitarbeiter, der nur kurz vorbeischaut und geht bis hin zur Assistentin, die den ganzen Tag anwesend ist. „Manche sind reine Kommunikatoren und hauptsächlich unterwegs oder in Meetings – andere fast nur am Schreibtisch“, beschreibt Monika Schleberger die unterschiedlichen Arbeitstypen.

Enormes Einsparungspotential

Die Spezialisten von vitrapoint, die sich als „Fachingenieure für Wohn- und Arbeitswelten“ verstehen, erstellen mit den gewonnenen Informationen verschiedene Bausteine und „spielen damit wie auf einem Schachbrett“. Berücksichtigt wird auch, dass das Büro inzwischen überall sein kann. Nur noch 39 Prozent der Arbeitnehmer sitzen an einem festen Arbeitsplatz.

Nicht selten wird als erstes deutlich, dass es bequem möglich wäre, auf der vorhandenen Fläche die doppelte Anzahl an Mitarbeitern unterzubringen. Schöner (Neben)-Effekt: Ein enormes Einsparungspotential kristallisiert sich heraus – höhere Flächeneffizienz reduziert Raum- und Betriebskosten. Setzt man dagegen das Einrichtungsbudget, für das ein Unternehmen durchschnittlich nur zwei Prozent der gesamten Personalkosten bereithält, lohnt sich eine Um- bzw. Neugestaltung schnell. Auch Nachhaltigkeit ist hier ein wichtiges Stichwort – die geschaffenen, wandelbaren Arbeitswelten wachsen oder schrumpfen ohne großen Aufwand mit den personellen Anforderungen an das Unternehmen. Vor dem Hintergrund des demographischen Wandels kommt diesem Thema besondere Bedeutung zu. Bis zum Jahr 2040 wird die sogenannte Generation Y, die der heute 20 bis 30-Jährigen, den größten Anteil der Arbeitskräfte stellen.

„Generation facebook“

Unternehmen profitieren also. Gleichzeitig freut sich die Belegschaft über ein lebendiges, aktives und, im wahrsten Sinne des Wortes, bewegtes Büro. Und über – jetzt endlich kommen die Möbel ins Spiel – Stehpulte, die sich mit dem passenden ergonomischen Stuhl dazu auch als Schreibtisch nutzen lassen. Über Lounge-Situationen, in denen größtmöglicher Austausch passiert, und technisches Equipment, das sämtliche Arbeitsvorgänge erleichtert. Oder über einen Konferenzraum, der auch mal ganz ohne Stühle auskommt, dafür kann es Sitzsäcke geben und Sofas – die „Generation facebook“ macht es ja vor, mit dem I-Pad auf den Knien und einem Kissen im Rücken.

Ellen Lübke-Meier – wir sPRechen es rum